Spielmann

Ich bin ein Spielmann, flöte leise
meine Lieder vor mich hin.
Hört gut zu, in meinem Spiel
macht manches Rätsel wieder Sinn.

Es ist schon seltsam, wenn das Raunen und Wogen der Stimmen im Raum verstummt, langsam zuerst, bei denen, die mir am nächsten sind, bis dann ihr Schweigen wie eine riesige Welle über die anderen hereinbricht und ihre Stimmen verschluckt.

Geht nicht vorbei, lauscht meiner Flöte,
niemals gleich und doch nicht fremd
dem Einen, der sein Ohr mir schenkt.

Ich sitze ganz gerne etwas höher als mein Publikum, auf einem Barhocker vielleicht, oder einer Bühne. Es ist wichtig, dass sie mich sehen, aber noch wichtiger, dass auch ich Blickkontakt mir jedem einzelnen aufnehmen kann. Ich lese nicht einfach nur irgendwas von einem Blatt ab. Ich will euch eine Geschichte erzählen, meine Geschichte, eine unglaubliche Geschichte vielleicht, phantastisch und widersinnig, mit fremdartigen Wesen oder sprechenden Pilzen, einem teuflisch wirkenden Mördervogel oder einem tiefsinnigen Wunschstern. Vielleicht erzähle ich euch auch von Einhörnern und Elfen und Drachen, und es ist wichtig, dass sie an Drachen glauben, in diesem Moment zumindest, denn Drachen sind sehr eitle Tiere und mögen es nicht, missachtet zu werden. Wenn ich Euch in die Augen sehe, dann werdet Ihr in meinem Blick den Drachen erkennen, und das Einhorn, den Pilz und den Vogel und all die anderen Geschöpfe, welche meine Geschichten bevölkern. Und Ihr werdet mir glauben.

All eure Nöte sind nicht mehr
als eure eigne Illusion,
gebaut aus Angst vor eurer Welt,
zerspringt sie nun durch meinen Ton.

Ich fange ganz gerne mit diesem Gedicht an, vordergründig, um mich vorzustellen, denn natürlich bin ich dieser Spielmann, letztendlich aber, um Euch vorzustellen, denn Ihr seid ein unverzichtbarer Teil dessen, was mich ausmacht. Die Zeilen, welche ich lese, sind von meiner Hand geschrieben, das schon. Aber was sind das schon, Zeilen, auf dem Papier, leblose Zeichen, schwarze Tinte, die das unschuldige Weiß beschmutzt. Ja, selbst vorgelesen werden sie nur zu belanglosen Worten, sinnlos aneinander gereiht, in mir ein schales Echo erzeugend von vergangenen Zeiten und verblassten Sternen. Erst, wenn sie Euer Gehör finden, wenn sie in Euch tanzen, mit Euren eigenen Geschichten, sich mit ihnen vermengen im wilden Reigen, erst dann gewinnen sie Farbe, Form, Leben. Ich sehe sie dann, in Euren Augen, ihren neu gewonnenen Glanz, sehe das Einhorn hinter den Seelenspiegeln traben. Sehe ihm vielleicht für eine Sekunde selbstvergessen zu. Und trage Euch dann weiter, auf meinen Worten, in meine Welt, oder Eure, wer weiß das noch zu sagen?

Ich bin ein Spielmann, spiel eure Lieder,
ob traurig, fröhlich oder leer,
und frag euch, erkennt ihr sie wieder?
Nein, nun, das wundert mich doch sehr,
denn hab ich jede Melodie doch nur
von allen diesen Augen
abgespielt, ihr müsst mir glauben,
meine Lieder, das seid ihr.

Es endet. Ihr schweigt. Betroffen. Nachdenklich. Noch gefangen im Traum. Manch einer ist gerade erst aufgewacht, der blinzelndem Blick schaut verwirrt in die alte Welt. Ich warte geduldig. Schau meinen Kindern zu, wie sie in Euren Köpfen fangen spielen. Der Drache in mir verlangt nach Applaus, ein eitles Tier, fürwahr. Ich lasse ihn ein, zwei Ewigkeiten schmoren, mache dann vielleicht eine augenzwinkernde Bemerkung, ernte ein verhaltenes Lachen, und dann, ehrlichen Applaus. Das weckt auch die letzten Schläfer, holt alle zurück ins Hier und Jetzt, auch mich, aus Euren Spiegeln in mein Spiel, und es beginnt von neuem.

Manchmal sehe ich, zwischen den Zeilen, einen Augen-Blick, in sich selbst gerichtet, verloren fast im endlosen Korridor zweier Spiegel, einem Licht folgend, das mir entsprang und doch nicht meines ist.
Ich würde gerne ein Bild machen davon, es jedem zeigen, der mich fragt: „Warum schreibst Du? Was bringt es Dir?“ aber das geht natürlich nicht, und so zucke ich dann nur mit den Achseln, und sage, mit leiser, eindringlicher Stimme:

„Ich bin ein Spielmann...“